Die Landflucht der Jugend in der Sahelzone

Knapp eine Million Menschen aus Afrika haben laut dem Bericht des „Pew Research Centers“ während den vergangenen sieben Jahren Asyl in Europa beantragt. Fast eine Million Menschen befinden sich in den Auffanglagern an den südlichen Gestaden des Mittelmeeres unter teilweise unmenschlichen Bedingungen – und warten auf die Weiterfahrt nach Norden – laut den offiziellen Zahlen sind bereits mehr als 1300 Menschen im Mittelmeer in diesem Jahr ertrunken.

Die Landflucht vom subsaharischen Afrika hat jedoch erst begonnen. Vor allem junge Menschen verlassen ihre Dörfer und „begeben sich auf die Reise“ in die Städte und vergrößern dort die Elendsviertel oder sie begeben sich nach Norden, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Noch nie zuvor waren so viele Menschen gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen. Den Angaben des UNHCR zufolge befinden sich derzeit weltweit fast 70 Millionen Menschen auf der Flucht – und die Zahl erhöht sich beständig, dies angesichts der sozialen und kriegerischen Spannungen, der Korruption, der Ausbeutung und der Chancenlosigkeit. Dazu gesellen sich in einem verstärkten Maß die Auswirkungen des Klimawandels u.a. die Dürrekatastrophen, die Wüstenausbreitung und die Überschwemmungen.

Hinsichtlich des Klimawandels kann man es nicht oft genug hervorheben: In Afrika leben nur 16 Prozent der Weltbevölkerung und sind nur für sieben Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen verantwortlich.

Es wird geschätzt, dass etwa 110 Millionen Menschen der Subsahara in den kommenden Jahren in die Landflucht getrieben werden. Verbleibt die Geburtenrate in der Subsahara weiterhin auf dem hohen Niveau, dann wird sich die Bevölkerung in Afrika auf mehr als 2 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2050 erhöhen: Dieser Zuwachs bedeutet unweigerlich erhöhte Armut.

Die Ungleichheit zwischen den Armen und den Reichen wächst unentwegt

Durch die Globalisierung haben sich die Industriestaaten und einige aufstrebende Schwellenländer mit unfairen Handelsabkommen den Zugriff auf wichtige Rohstoffe in den schwächeren Entwicklungsländern gesichert. Die Gewinne aus dem Abbau und dem Handel mit Rohstoffen fließen an die internationalen Konzerne und zum Teil an die Eliten in den Entwicklungsländern. Die Frage sei erlaubt, wieso u.a. Nigeria, Angola, Kongo, Mali, Niger, Sierra Leone und Burkina Faso, die über reichhaltige Rohstoffvorkommen verfügen, zu den ärmsten Ländern der Welt gehören?

Noch schlimmer sieht die Ernährungslage aus – gelten doch die Länder der Subsahara als die Absatzmärkte für die überschüssigen hochsubventionierten Agrarprodukte aus dem Norden. Angesichts dieser desolaten Situation müssen die Landbewohner, die sich nicht gegen das Agrardumping wehren können, ihre landwirtschaftlichen Aktivitäten einstellen und die Jugendlichen sind gezwungen ihre Heimat zu verlassen.

Weitaus schlimmer wiegt der Landraub (landgrabbing) – riesige fruchtbare Agrarflächen werden von den Reichen aufgekaut und die armen Landbewohner verlieren ihre Existenzgrundlagen. Der reiche Norden mit seiner wirtschaftlichen und politischen Übermacht drängt somit den globalen Süden an den Rand der Verzweiflung – gepaart mit Elend und Chancenlosigkeit. Im Jahr 2018 besaß das reichste Prozent der Weltbevölkerung über die Hälfte des globalen Vermögens.

Mit Blick auf billige Produkte und Dienstleistungen werden die Produktionsstätten und die Dienstleistungsbetriebe nunmehr nach Afrika verlagert, wo die Unternehmen von Steuern befreit und die Hürden durch Arbeits- und Umweltschutz gering sind.

Diese Ungerechtigkeit führt unweigerlich zu erhöhten sozialen Spannungen. Lässt die Aussage, dass etwa 1,2 Milliarden Menschen der 7,6 Milliarden Menschen einen schier hoffnungslosen Überlebenskampf führen, die Reichen der Welt unberührt?

Es ist erschreckend, dass mehr als ein Viertel der Hungernden dieser Welt auf dem afrikanischen Kontinent lebt und ein Fünftel der hier lebenden Menschen gilt als unterernährt. Weitaus schlimmer sieht die Lage für die afrikanischen Kinder aus, leiden doch mehr als 30 Prozent aufgrund ihrer chronischen Mangelernährung an Wachstumsstörungen wie dem “Stunting” – die körperliche und geistige Unterentwicklung.

Wäre dies nicht schon genug, so muss die Weltgemeinschaft damit klar kommen, dass aufgrund der himmelschreienden Ungerechtigkeit in den Ländern der Subsahara 60 Millionen Kinder zwischen 5 und 17 Jahren arbeiten, anstatt zur Schule zu gehen und sich körperlich und geistig entwickeln. In Afrika wird jedes fünfte Kind durch die Kinderarbeit um seine Kindheit betrogen. Es sind dieselben Kinder, die unter Lebensgefahr die hochwertigen Rohstoffe für die elektronischen Geräte aus dem Erdboden fördern, welche die Reichen der Welt benutzen.

Die Fluchtursachen bekämpfen

Das Elend in den Flüchtlingslagern sowie die hoffnungslose Lage in der Subsahara kann die Europäische Union aus humanitären Gründen nicht akzeptieren. Man wird das Gefühl jedoch nicht los, dass sich die aktuelle Politik nicht auf das Beheben der Fluchtursachen konzentriert, sondern sich eher bemüht, dass weniger junge Menschen an die „Festung Europa“ anklopfen und „nur den Anspruch auf ein würdiges Leben“ erheben.

Anlässlich der rezenten Konferenz der Außen- und Migrationsminister in Luxemburg hat sich herausgestellt, dass die Migrationsfrage ungelöst bleibt – wenn jedoch die Türkei die Schleusen öffnet, dann werden Hunderttausende Flüchtlinge die Europäische Union überfluten.

Wäre es nicht an der Zeit, die Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika zu überdenken und mittels Projekten den Ländern und ihren Menschen eine Perspektive für eine bessere Zukunft anzubieten. Dann werden die jungen Menschen in ihren Heimatländern bleiben, dort wo sie dringend für den Aufbau der Gesellschaft gebraucht werden. Zusammen werden wir „Ein Leben unter menschenwürdigen Bedingungen führen und den Zugang zu gesunder Ernährung und zu sauberem Wasser sowie zu sanitären Anlagen, zur Bildung und zur Arbeit haben“ erreichen.

Schlussgedanken

Hans Magnus Enzensberger schrieb bereits in seinem Essay – Die große Wanderung im Jahr 1992 – „Jede Migration führt zu Konflikten, unabhängig davon, wodurch sie ausgelöst wird, welche Absicht ihr zugrunde liegt, ob sie freiwillig oder unfreiwillig geschieht und welchen Umfang sie annimmt“.

Wenn nicht bald Erfolge in Richtung „Weniger Elend und Hunger sowie Klimagerechtigkeit“ erkennbar sind, dann wird die Wanderbewegung aus der Subsahara hin zum reichen Norden unvermindert weitergehen – denn die Zahl der Menschen, die „weg wollen“ ist zu groß – wir werden dann lernen – gerecht zu teilen.

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