Jazzmusiker zwischen den Fronten: „Soundtrack to a Coup d’État”

Johan Grimonprez zeigt in seinem Film „Soundtrack to a Coup d’État », wie die amerikanische Regierung Jazz gezielt als geopolitische Waffe in den 50ern und 60ern einsetzte. Doch es handelt sich hier um viel mehr als einen Musikdokumentarfilm: Der Film legt die Verbindung zwischen dem afroamerikanischen Bürgerrechtskampf in den USA und dem Unabhängigkeitskampf des Kongos offen. Einblendungen von iPhones und Teslas, die ohne Rohstoffe aus dem Kongo nicht existieren würden, erinnern daran, dass unabhängige Staaten bis heute vom Westen ausgebeutet werden. Außerdem zieht sich die Verfolgung von Patrice Lumumba wie ein Thriller durch den Film.

Dies mag unübersichtlich klingen, doch Grimonprez schafft es, diese Verflechtung verschiedener Themen in einen ästhetisch sehr anspruchsvollen Essay zu verwandeln. Archiv-Videos werden mit Musik von Jazzgrößen wie Louis Armstrong, Nina Simone, Dizzy Gillespie und Max Roach vertont. Dieser clever eingesetzte Soundtrack gibt dem Film eine hypnotische Emotionalität, so dass seine zweieinhalb Stunden überraschend kurz wirken.

Im Zentrum der verschiedenen Erzählstränge steht das Jahr 1960. Es ging als „Afrikanisches Jahr“ in die Geschichte ein, da 17 Kolonien ihre Unabhängigkeit von den Kolonialmächten erlangten. Auf dem Kontinent herrschten Hoffnung und Aufbruchstimmung. Der Globale Süden verfügte nun über die Stimmenmehrheit in der UNO. Westliche Mitgliedstaaten fürchteten, durch Bündnisse im Afro-Asiatischen Block an Einfluss zu verlieren. Die USA und die Sowjetunion versuchten, die jungen Nationen auf ihre Seite zu bringen.

Um Bevölkerungen im Globalen Süden für amerikanische Kultur zu begeistern, schickten die Vereinigten Staaten schon in den 50er Jahren Jazzmusiker auf internationale Tourneen.  „The weapon we will use is the cool one”, verkündet der Trompeter Dizzy Gillespie, einer der ersten Musiker des amerikanischen Jazz Ambassadors Programms, das unter Präsident Eisenhower begann. Auch Duke Ellington und Dave Brubeck wurden von den USA nach Afrika, in den Mittleren Osten und nach Asien geschickt.

Der aus Belgien stammende Regisseur Johan Grimonprez wirft einen kritischen Blick auf die Geschichte seines Heimatlandes. Belgien herrschte 75 Jahre lang brutal über den Kongo (1885-1960) und bereicherte sich an den Schätzen des zentralafrikanischen Landes. Besonders verheerend war die Herrschaft Leopold II. Schätzungen zufolge kamen so viele Menschen ums Leben, dass die Bevölkerung halbiert wurde.

Als 1960 die ersten demokratischen Wahlen stattfanden, war der Optimismus im Kongo groß. Die Bevölkerung wählte das Mouvement National Congolais, dessen charismatischer Partei-Leader Patrice Lumumba zum ersten Premierminister der Demokratischen Republik Kongo wurde. Joseph Kasavubu wurde Präsident der neuen Republik.

Doch die politischen Akteure hatten nach der Kolonialherrschaft nur begrenzte wirtschaftliche und administrative Erfahrung (damals gab es im Kongo weniger als 20 Hochschulabsolventen, so der Film). Die belgische Regierung nutzte diese Situation, um kurz vor der Unabhängigkeit ein Gesetz zu verabschieden, das kongolesischen Kolonialunternehmen die belgische Staatsangehörigkeit zusicherte.

Patrice Lumumba, hingegen, forderte jedoch Kongos totale Unabhängigkeit und die Kontrolle über die Rohstoffe des Landes. Den belgischen König verärgerte er in seiner Unabhängigkeitsrede, in der er an die Grausamkeiten der Kolonialherrschaft erinnerte.

Auch innerhalb der kongolesischen Armee brodelte es. „Die Unabhängigkeit bringt Veränderungen für Politiker und Zivilisten. Doch für euch wird sich nichts ändern”, soll General Émile Janssens den schwarzen Soldaten gesagt haben. „Die Politiker haben euch belogen”, schlussfolgerte er. Es kam zu schweren Unruhen, europäische Bewohner wurden angegriffen und mussten flüchten. Nur wenige Tage nach der Unabhängigkeit versank der junge Staat im Chaos.

Belgien schickte Truppen in den Kongo und unterstützte die Sezessionsbewegung von Moïse Tschombé, dem Präsidenten der rohstoffreichen Provinz Katanga. Auch die Provinz Süd-Kasai spaltete sich ab. Zwar wurde eine UN-Friedensmission einberufen, doch Lumumba und Kasavubu fanden im Westen keine Unterstützung. Im Gegenteil: Westliche Staaten schürten Spaltungen, die ihren wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen am besten dienten.

Lumumba wandte sich schließlich an die Sowjetunion, wodurch die Demokratische Republik Kongo zum Spielball des Kalten Krieges wurde. Aus Angst, das Land könnte in die Hände der Sowjets fallen, plante die CIA zusammen mit Belgien die Hinrichtung Lumumbas.

Soft Power und Unterdrückung

Zur gleichen Zeit schickte das amerikanische State Department den Trompeter und Sänger Louis Armstrong auf eine Tour durch Afrika. Johan Grimonprez kontrastiert die Bilder jubelnder afrikanischer Jazz-Fans mit Bildern aus den USA: Malcolm X plädiert für Bürgerrechte, Aktivisten werden angegriffen. Armstrong, der die demokratischen Werte seines Heimatlandes in Afrika vermitteln sollte, durfte zu dieser Zeit in seinem Heimatland nicht wählen.

Auch ahnte der Musiker nicht, dass die CIA hinter seiner Reise steckte. Denn Armstrongs Besuch war der perfekte Deckmantel, um Zugang zu der strategisch wichtigen Provinz Katanga zu erhalten.

Zu den hypnotischen Tönen von Nina Simones „Ballad of Hollis Brown“ zeigt der Film die wohl letzten Aufnahmen Lumumbas, wie er von Soldaten beleidigt und geschlagen wird. 1961, einige Monate nach Louis Armstrongs Reise, wurde Patrice Lumumba gefoltert und von einem belgischen Militärkommando erschossen. Seine Leiche wurde in Säure aufgelöst. Nur ein goldbekrönter Zahn, den ein belgischer Polizist einsteckte, blieb übrig.

Johan Grimonprez hinterfragt immer wieder die westliche Geschichtsschreibung. Nikita Chruschtschow wird gezeigt, wie er zu Dizzy Gillespies „St Louis Blues“ mit beiden Händen auf den Tisch der UN-Generalversammlung schlägt.

Grimonprez hebt jedoch ein Zitat Chruschtschows hervor, das im Westen weit weniger Beachtung fand: „Tod und Vernichtung der kolonialen Knechtschaft! Weg damit! Wir müssen sie begraben, je tiefer, desto besser.”

Der Regisseur betont in Interviews, dass er durch den Film viel über die Geschichte seines Landes hinzu lernte. Denn in belgischen Schulbüchern wurde vieles ausgelassen, insbesondere „[dieses] dunkle Kapitel [ihrer] eigenen Geschichte hier in Belgien“.

Fortschritt um jeden Preis

Die Demokratische Republik Kongo könnte eines der reichsten Länder der Welt sein. Der zweitgrößte Fluss der Welt fließt durchs Land, im fruchtbaren Boden liegen Reserven an Kupfer, Coltan und Gold. Doch es ist der reiche Westen, der sich auf dem Rücken der kongolesischen Bevölkerung bereichert hat.

Die brutale Zwangsernte von Kautschuk unter Leopold II erlaubte es dem Westen, elektrische Isolierungen sowie Reifen für Fahrräder und Autos herzustellen. Der Kongo unterstützte somit den industriellen Fortschritt im Westen. Die Force publique terrorisierte dabei die Bevölkerung, tötete, vergewaltigte und verstümmelte.

Auch beim Atomangriff auf Japan spielte der Kongo eine zentrale Rolle. Denn die kongolesische Mine Shinkolobwe, damals Teil der belgischen Union-Minière du Haut-Katanga, lieferte den USA einen Großteil des Urans für die Hiroshima-Bombe Little Boy. Hunderttausende Menschen kamen in Japan um. Die Gefahren und langfristigen Folgen für Arbeiter und Umwelt im Kongo wurden lange Zeit ignoriert.

Heute ist Cobalt eines der weltweit begehrtesten Rohstoffe. Es wird zur Herstellung von aufladbaren Batterien benutzt, die in Smartphones, Computern und elektrischen Autos zum Einsatz kommen.

Die weltweit größten Reserven an Kobalterz liegen im Copperbelt, der sich durch die Demokratische Republik Kongo und Sambia zieht. Das Metall ist ein wichtiger Baustein für die grüne Wende des Westens, doch in Afrika hat der Bergbau zu Abholzung und Umweltverschmutzung geführt. Tausende von armen Arbeitern atmen den giftigen Kobaltstaub ein, so Siddharth Kara, Autor des Buches „Cobalt Red“. “Das Ausmaß der Erniedrigung, das Ausmaß der Ausbeutung ist vergleichbar mit der Sklaverei in der alten Welt”, sagte der Autor gegenüber NPR.

Grelle Werbungen von Tesla und Apple wirken nach den schwarz-weißen Aufnahmen von Musikern und Aktivisten kalt und dystopisch.

„Afrika hat die Form eines Revolvers, und der Kongo ist der Abzug“, so wird der französische Psychiater und postkoloniale Denker Frantz Fanon im Film zitiert. Bilder rezenter Gefechte zeigen, dass auch heute weiter um die Reichtümer der Demokratischen Republik Kongo gekämpft wird, die der Westen für seinen Fortschrittsdrang benötigt.

„Soundtrack to a Coup d’État » zeigt, dass die Geschichte des Landes uns alle angeht. Geschichte wird selten so innovativ und mitreißend dargestellt.

 

Claire Barthelemy arbeitet als UK-Korrespondentin für Radio 100,7 und d’Lëtzebuerger Land. Nach rund 15 Jahren in der Medienbranche, unter anderem bei der New York Times und Apple, arbeitet sie als freie Journalistin.

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