Marawi oder Chronik einer willkürlichen Zerstörung

Zwei Jahre nach der Zerstörung der südphilippinischen Stadt Marawi ist nicht „dschihadistischer Terror“, sondern das Kriegsrechtsregime unter Präsident Duterte das Haupthindernis auf dem Weg zu Frieden, Sicherheit und Entwicklung.

 

„Die Belagerung von Marawi schürte enorme Angst, Trauer, Furcht und Ratlosigkeit in den Herzen und Köpfen deren Bürger. Der fünfmonatige Zermürbungskrieg zwischen den philippinischen Streitkräften (AFP) und den lokalen IS-liierten extremistischen Gruppen führte zu verheerenden Verwüstungen, was die materielle Infrastruktur und die natürliche Umwelt der Stadt betraf. Über eintausend Menschen starben, Zehntausende wurden über Nacht zu Flüchtlingen – obdachlos und ohne Lebensgrundlage. Der Krieg zerstörte das zentrale Geschäftsviertel der Stadt und hinterließ Sachschäden in Milliardenhöhe und verlorene wirtschaftliche Chancen. Das schreckliche Ereignis verursachte Panik und Angst in den benachbarten Städten der Provinz Lanao del Sur sowie in der nahegelegenen Stadt Iligan. Im ganzen Land wurden Terroralarme ausgelöst, was Präsident Rodrigo Roa Duterte veranlasste, seine Russlandreise kurzerhand abzubrechen und nach Manila zurückzufliegen. Bis Mitte Oktober 2017, als die Regierungstruppen die Führer der militanten Gruppen getötet und die Stadt zurückerobert hatten, befanden sich infolge der Kampfhandlungen annähernd 360.000 Menschen auf der Flucht.“

Abdul Hamidullah Atar, Sultan von Marawi und Geschäftsführer der RIDO Inc., im Gespräch mit dem Autor am 18. September 2018 in Brüssel

Marawi City, im Zentrum der größten südphilippinischen Insel Mindanao gelegen, war bis zum 23. Mai 2017 eine vergleichsweise blühende Stadt mit etwa 250.000 Einwohnern. Sie ist gleichzeitig die Hauptstadt der Provinz Lanao del Sur und liegt idyllisch am nördlichen Ufer des Lanao-Sees in einer Höhe von 700 m über dem Meeresspiegel. Seit dem Frühjahr 1980 nennt sich die Stadt offiziell „Islamic City of Marawi“, da sie die einzige Stadt in den Philippinen ist, die mehrheitlich von Muslimen bewohnt wird, deren Anteil an der Bevölkerung immerhin 92 Prozent beträgt. Seit jeher war Marawi eine Wirtschafts-, Bildungs-, Kultur- und Politikzentrale der Provinz und zudem das Islamische Zentrum des philippinischen Südens. Lange galt sie als Hort der Toleranz, wo Moros (Muslime), Christen und Indigene friedlich zusammen lebten und sich zahlreiche renommierte Bildungseinrichtungen gemeinsamen Lernens und Lehrens befanden

Schwarze Fahnen in Marawi

Offensichtlich von mehreren Geheimdiensten des Landes unbemerkt war es dem auf der südlich von Mindanao gelegenen Insel Basilan agierenden Führer der Abu Sayyaf-Gruppe (ASG) und selbsternannten Emir des Islamischen Staates (IS), Isnilon Hapilon, gelungen, sich mit einigen seiner Gefolgsleute im Frühjahr 2017 nach Marawi durchzuschlagen. Dort nahmen sie Kontakt zu Omarkhayam Maute und seinen Brüdern auf, die mit einigen Gefolgsleuten ebenfalls den Treueeid auf den IS geschworen und sich bereits ein Jahr zuvor in anderen Gemeinden der Provinz Lanao del Sur Gefechte mit Einheiten der philippinischen Streitkräfte (AFP) geliefert hatten.

Bei dem Versuch, durch einen AFP-Überraschungsangriff am Morgen des 23. Mai 2017 den international als Topterroristen gesuchten Hapilon gefangenzunehmen, schlugen kombinierte Einheiten der ASG und Maute-Gruppe zurück und durchstreiften Straßen im Stadtzentrum Marawis mit den schwarzen Fahnen des IS, um sich schließlich in mehreren Gebäuden – darunter auch Moscheen – samt zwischenzeitlich als Geiseln genommene Zivilisten zu verschanzen. Laut Augenzeugen, darunter auch der eingangs erwähnte Sultan von Marawi, Abdul Hamidullah Atar, zählten die Kämpfer der Abu Sayyaf und Maute-Gruppe maximal 50 Mann.

Widersprüche allerorten und Kriegsrecht

Am selben Tag erklärte der Sprecher der AFP, Brigadegeneral Restituto Padilla, man habe keinerlei Kenntnis darüber, dass sich auf Mindanao oder landesweit IS-Kämpfer aufhielten. Gleichzeitig versicherte Generalstabschef Eduardo Año in mehreren Interviews besorgten Medienvertretern, dass in Marawi „alles unter Kontrolle“ sei und „kein Grund zur Besorgnis“ bestehe, zumal die Zahl der „Aufständischen“ „nur zirka 50 Mann“ betrage.
Doch nur wenige Stunden nach den Erklärungen der Generäle verkündete Präsident Duterte, der sich zu der Zeit auf einer Russlandreise befand, eben mit der Präsenz des IS auf Mindanao mit der Proklamation Nr. 216 unverzüglich das Kriegsrecht über den gesamten Süden der Philippinen und setzte die Habeas Corpus Akte außer Kraft, was bis Dezember 2019 verlängert wurde. So hoch umstritten dieser Akt war, so widersprüchlich waren die Erklärungen seitens der Regierung. Um bei alledem noch Öl ins lodernde Feuer zu gießen, entschloss sich die Staatsführung dazu, ab dem 3. Juni 2017 FA-50 Kampfflugzeuge einzusetzen und das Stadtzentrum zu bombardieren.

„Wir Maranaos (die dominante ethnolinguistische Bevölkerung in den beiden Provinzen Lanao del Sur und Lanao del Norte – RW) haben seit jeher unsere eigenen Formen von Konfliktbewältigungen“, erklärt Abdul Hamidullah Atar, „doch uns wurde keine Chance gegeben, um sich in den Konflikt einzuschalten. Durch die ebenso rasche wie gänzlich unnötige Erklärung des Kriegsrechts waren Leute wie ich sowie Stadtobere von Marawi City kaltgestellt. Alles wurde nunmehr dem Militär überlassen. In extremen Fällen – bei Konflikten, die zu eskalieren drohen oder Clanfehden (Rido) – greifen Maranaos auch schon mal zu den Waffen. Aber Bomben einzusetzen und damit sehenden Auges massive Zerstörungen und Verwüstungen in Kauf zu nehmen, war die demütigendste Erfahrung, die wir in unserem Leben jemals erfahren mussten – begangen von den eigenen Landsleuten! Bis heute hat die fünfmonatige Belagerung der Islamic City of Marawi zur schweren Traumatisierung der Bewohner der Stadt und anderer nahegelegener Gemeinden geführt.“

Massive Fluchtbewegung von „internally displaced persons“ (IDP)

Während der Belagerung flohen annähernd 360.000 Menschen aus Marawi und den benachbarten Gemeinden. Zwei Jahre nach der Belagerung ist eine große Zahl von Binnenflüchtlingen noch immer unterversorgt. Über 25.000 Familien leben in Evakuierungszentren, bei Verwandten oder in einer Übergangsunterkunft, wo sie auf die Rückkehr nach Hause warten, um ihr Leben wieder halbwegs zu normalisieren. Ihre Häuser, Geschäfte und Lebensgrundlagen in den am stärksten betroffenen Gebieten der Stadt wurden durch die Belagerung und Plünderungen (auch seitens der AFP) völlig zerstört, und die Überreste von Bomben und anderen nicht explodierten Sprengsätzen und Kampfmitteln bleiben eine akute Bedrohung.

„Die Verhängung des Kriegsrechts über den gesamten Süden“, kritisiert der Sultan von Marawi, „macht die gesamte Situation noch schlimmer und komplizierter. Tatsächlich wurde seitens der Sicherheitskräfte exzessive Gewalt angewendet, um die militante Gruppe zu eliminieren. Auf Kosten der Besitztümer einfacher Menschen: nicht weniger als 8.000 Häuser, 32 Moscheen, 21 Krankenhäuser und Privatschulen sowie Dutzende von arabischen und Koran-Schulen und andere öffentliche und private Einrichtungen wurden vollständig zerstört.“

Als Präsident Duterte am 17. Oktober 2017 offiziell das Ende der Kampfhandlungen verkündete, waren über eintausend Tote zu beklagen – 163 Regierungssoldaten, 47 Zivilisten sowie 847 „Aufständische“ samt Sympathisanten. Zu den Toten gehörten neben den Maute-Brüdern auch Isnilon Hapilon, deren Leichen am 16. Oktober gefunden wurden.

Wiederaufbau im Schneckentempo

Nach der Belagerung wurde qua Präsidialverfügung die Task Force Bangon Marawi gegründet und mit dem Regierungsauftrag betraut, einen Wiederaufbau-, Gesundungs- und Entwicklungsplan zu erstellen. Doch bis dato hat die Regierung ihr Versprechen, die am stärksten betroffenen Gebiete in Marawi wiederaufzubauen, nicht erfüllt. Darüber hinaus wollen die Gerüchte nicht verstummen, die AFP hätten ein vitales Interesse daran, in Stadtnähe oder sogar in der Innenstadt ein Militärcamp zu errichten. Würde das tatsächlich in die Realität umgesetzt, verfügten die AFP über ein bedeutsames logistisches Zentrum im Herzen Mindanaos, um von dort aus den „Kampf gegen den Terror(ismus)“ zu dirigieren.

„Es scheint, dass die Regierung gänzlich ungeeignete Maßnahmen verfolgte“, klagt der Sultan von Marawi mit verbittertem Unterton, „um den Wiederaufbau zu beschleunigen und die Situation der IDP entscheidend zu verbessern. Der verzögerte Wiederaufbau wird militanten Gruppen einen Nährboden bieten, junge Menschen zu rekrutieren, die unter der Belagerung gelitten haben. Dies wird in Zukunft zu einem veritablen Problem werden. Darüber hinaus sind die finanziellen Hilfen aus der Staatskasse und aus dem Ausland bei den meisten Menschen überhaupt nicht angekommen – von mangelnder Transparenz und Rechenschaftspflicht über deren Verbleib ganz zu schweigen. Eine umfassende Untersuchung dessen, was genau bei der Belagerung von Marawi geschah, wurde von der Regierung nie angestrengt und somit das legitime Recht der Opfer auf Zugang zu umfassenden Informationen und lückenlose Aufklärung hintertrieben.“

Ramponiertes Präsidentenimage

Der Post-Marawi-Konflikt hinterließ nicht nur immense physische und materielle Schäden, er hat sich mehr noch tief in die Seele und Gefühlswelt der Menschen hineingebohrt. Die Regierung mag den eigentlichen Kampf, nicht aber die Herzen und Hirne der vom Konflikt Betroffenen gewonnen haben. Vor allem hat der Präsident selbst, der in Personalunion Oberkommandierender der AFP ist, einen irreparablen Imageschaden erlitten. Zwar ließ er sich während der fünfmonatigen Belagerung Marawis mehrmals in Kampfuniform bei seinen Soldaten blicken. Doch mit seiner geäußerten abfälligen Bemerkung, die Stadtbewohner seien selber Schuld für das Unheil, weil sie „Terroristen“ in ihrer Mitte geduldet hätten, brachte das bei den meisten Maranaos das Blut in Wallung.

Die vollständige Wiedereingliederung der IDP in Marawi ist eine kollektive Aufgabe, die sämtliche Interessengruppen von der Planung bis zur Realisierung des Wiederaufbaus der Stadt einbezieht. „Wollen die Behörden erfolgreich sein“, resümiert heute der Sultan von Marawi, „müssen sie unbedingt auf die Stimmen der gewöhnlichen IDP hören. Nichts geht letztlich ohne sie. Ein Regierungsplan, der kein ‚Gefühl der Zugehörigkeit’ aufweist, wird scheitern. Wie es ein Philosoph einst so formulierte: ‚Wenn du schnell gehen willst, geh’ alleine. Willst du weit gehen, dann geh’ mit anderen zusammen’. Daher müssen die Menschen befähigt werden, sich vollumfänglich an der Rehabilitation Marawis zu beteiligen, um eine offene und partizipative Regierungsführung, einen integrativen Prozess, einen zuvörderst auf die Bedürfnisse der IDP ausgerichteten, auf den Menschenrechten basierenden und kulturell sensiblen Wiederaufbau zu gewährleisten.“

Dr. Rainer Werning, Politikwissenschaftler & Publizist mit den Schwerpunkten Südost- und Ostasien, ist u.a. Koherausgeber des im Frühjahr 2019 in 6. Auflage im Berliner regiospectra Verlag erschienenen Handbuch Philippinen. Nach Lehraufträgen an den Universitäten Bonn und Osnabrück ist Werning derzeit als Philippinen- und (Nord-)Korea-Dozent an der Akademie für Internationale Zusammenarbeit (AIZ) in Bonn-Röttgen tätig.

Quellen:
Battle for Marawi, Meldung der Nachrichtenagentur Reuters (inkl. kartografischem Material) vom 2. Juni 2017 — http://fingfx.thomsonreuters.com/gfx/rngs/PHILIPPINES-ATTACK/010041F032X/index.html
Gunfire during ceasefire stops civilians fleeing fighting in Philippines, in: The Guardian vom 4. Juni 2017 — https://www.theguardian.com/world/2017/jun/04/gunfire-ceasefire-civilians-fleeing-fighting-philippines-marawi-isis
Philippine troops kill remaining leaders of pro-Isis siege in Marawi – officials, in: The Guardian vom 16. Oktober 2017 — https://www.theguardian.com/world/2017/oct/16/philippines-marawi-pro-isis-leaders-killed-say-officials
Jamal Ashley Abbas: Media coverage of Marawi “Siege”, The Bangsa Moro Blog vom 19. Mai 2018 https://bangsamoro.wordpress.com/2018/05/19/media-coverage-of-marawi-siege/
International Peoples’ Tribunal (IPT) on The Philippines, Brussels (Belgium), 19.9.2018 – 11 Seiten – online: http://iadllaw.org/newsite/wp-content/uploads/2018/09/IPT2018_Final-Verdict.pdf #

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