Von der finanziellen Unterstützung zur ebenbürtigen Partnerschaft 30 Jahre Zusammenarbeit mit philippinischen Partnern

Wie alles anfing

ASTMs erste Kontakte mit den Philippinen gehen auf das Jahr 1989 zurück, als wir von der deutschen Nichtregierungsorganisation (NRO) medico international gebeten wurden, die rezent gegründete philippinische Gruppe Philippine Medical Action for Relief and Rehabilitation (PMARR), zu unterstützen. Für uns war dies Neuland: bis dahin hatten wir keine Kontakte zu den Philippinen gehabt, unsere Kenntnisse der Geographie, Geschichte oder der soziopolitischen Zusammenhänge im Lande waren so gut wie null. Aus dieser ersten Projekterfahrung mit PMARR lernten wir, dass die Philippinen nicht nur regelmäßigen Naturkatastrophen, sondern auch den Folgen bewaffneter Konflikte ausgesetzt sind, die unter anderem auf weit verbreitete Armut, eine unfaire Verteilung von Wohlstand und eine fehlende staatliche Grundversorgung zurückzuführen sind. Es stellte sich aber auch heraus, dass diese Missstände von einer besonders engagierten und kompetenten Zivilgesellschaft bekämpft wurden.

Durch PMARR lernten wir den nationalen Dachverband der lokalen Basisgesundheitsprogramme CHD mit Sitz in Manila kennen. Das Konzept der CBHP zielt darauf ab, lokal organisierte Gesundheitsstrukturen zu erschaffen, die der Dorfgemeinschaft eine medizinische Grundversorgung gewährleisten. Gleichzeitig fordert die CBHP-Bewegung die Regierung des Tages auf, ihrer Verantwortung bei der Bereitstellung angemessener Gesundheitsdienste für alle gerecht zu werden.

Der Zugang zu Land als Grundlage für ein Leben in Würde – neue Partnerschaften entstehen

Nachdem wir CHD einige Jahre unterstützt hatten, beschlossen wir, mit zwei Basisgesundheitsprogrammen zusammenarbeiten, um ein Bild der Realität in den Dörfern zu bekommen. Anhand dieser Erfahrungen wurde uns deutlich, dass die schlechte Gesundheitssituation der Bevölkerung in den ländlichen Gebieten eine direkte Folge der Armut ist, die wiederum unmittelbar auf die herrschenden sozioökonomischen Strukturen auf den Philippinen zurückzuführen ist, wo die politische und wirtschaftliche Macht in den Händen einiger weniger reicher Familien liegt, die sich, notfalls mit Gewalt, einer gerechteren Verteilung von Land und Macht widersetzen.
Uns wurde auch klar, dass die Landfrage ein zentrales Problem für die Entwicklung darstellt, denn der Zugang zu Land ist eine wichtige Voraussetzung für das Recht auf Nahrung und Gesundheit. So kam es 1990 zu einer ersten Partnerschaft mit der nationalen Bauernbewegung KMP die die philippinischen Kleinbauern in ihrem Kampf um das Recht auf das Land unterstützt, das ihre Familien seit Generationen bewirtschaften und das die Grundlage ihres Lebensunterhalts ausmacht.

Bei der langjährigen Zusammenarbeit mit unseren Partnern auf den Philippinen war es für uns immer wieder anregend zu erleben, wir sie ihre Arbeitsstrategien regelmäßig neuen Situationen und sich ändernden Bedürfnissen anzupassen wussten. So lag in den ersten Jahren unserer Partnerschaft mit KMP der Akzent auf der Ausbildung von freiwilligen Rechtsberatern und der Forderung nach dem Recht auf Land mittels einer wahrhaftigen Agrarreform. Während diese Forderung immer noch im Mittelpunkt steht, sah KMP später die Notwendigkeit, sich über die Art der Landwirtschaft Gedanken zu machen, die den Interessen der Kleinbauern nach Erlangung eigener Landtitel am ehesten dienen würde. So wurde die Förderung eines agrarökologischen Ansatzes zu einem zweiten wichtigen Arbeitsschwerpunkt von KMP, da die Agroökologie es den Bauern ermöglicht, selbständig und ohne den Einsatz von Chemie kostengünstiger und gesünder zu produzieren.

Alfie Pulumbarit, Mitglied der philippinischen Masipag-Organisation und ASTM-Partner, leitete einen Trainingskurs für Aktivisten in Luxemburg.

Im Laufe der Jahre entwickelte die ASTM auch neue Partnerschaften mit philippinischen Organisationen, die zwar auf unterschiedliche Art und Weise aber in enger Zusammenarbeit nach dem gemeinsamen Ziel streben, ländliche Gemeinschaften zu befähigen, sich aus der Armut zu befreien und ihr Recht auf ein Leben in Würde zu verwirklichen. Es handelt sich dabei um langfristige Beziehungen: mehrere Partnerschaften sind mittlerweile mehr als 20 Jahre alt.

Moderne Technologie erleichtert die Kommunikation

Beim Durchblättern einiger Akten aus den ersten Jahren unserer Philippinenarbeit stieß ich auf einen Brief unseres ersten Partners PMARR vom September 1992. ASTM hatte PMARR einige Wochen vorher um einen Artikel für unsere Zeitschrift „brennpunkt“ zur aktuellen politischen Lage gebeten. Zwischen dem Abschicken eines Briefes und dem Erhalt einer Antwort aus den Philippinen vergingen damals oft einige Wochen. Alles schwer vorstellbar in der heutigen Zeit, in der die digitalen Medien es uns ermöglichen, etwaige Fragen zu den Projekten mit den Partnern per Email oder gar direkt per Skype zu diskutieren. So können sie uns jetzt zu jeder Zeit über aktuelle Ereignisse vor Ort informieren, sei es eine Ausbildung zur biologischen Landwirtschaft, eine Kundgebung zu Landrechten oder einen Fall von Menschenrechtsverletzungen, von dem sie betroffen sind. Der technologische Fortschritt macht es auch möglich, die aktuellen politischen Entwicklungen und Debatten in den Ländern unserer Partner genauer zu verfolgen.

Außerdem reisen viele unserer Partner heute viel häufiger als früher nach Europa und viele machen einen Abstecher nach Luxemburg. Dies bietet den Mitgliedern der ASTM und der interessierten Öffentlichkeit eine einzigartige Gelegenheit, den Partnern zu begegnen und sich aus erster Hand über die aktuelle Situation auf den Philippinen und die Probleme zu informieren, mit denen sie konfrontiert werden.
Unter den vielen Besuchen der letzten Jahre sticht der Besuch 2016 von Michele Campos, Tochter eines Indigenführers auf der Insel Mindanao, als besonders bewegendes Ereignis hervor. Ihr Vater Dionel Campos war im Jahr zuvor von mutmaßlichen paramilitärischen Gruppen in Lianga, Surigao Del Sur ermordet worden. Er hatte Proteste gegen die Aktivitäten von Bergbauunternehmen und den Ausbau von Plantagen in seiner Region organisiert, die zur Verdrängung der Menschen von ihrem Land führen.

Nord-Süd-Solidarität jenseits der finanzieller Unterstützung

Über den Begriff „Partnerschaft“ zwischen den NRO im Norden und den Organisationen im Süden, mit denen sie zusammenarbeiten, wird in entwicklungspolitischen Kreisen viel diskutiert. Man stellt sich die Frage, inwieweit man von Partnerschaft reden kann, wenn ein Partner über den Geldbeutel verfügt, während der andere lediglich Empfänger ist. Als Trägerorganisationen finden sich europäische NRO regelmäßig zwischen zwei Stühlen. Sie sind selber verpflichtet, ihren eigenen Geldgebern Rechenschaft über die korrekte Verwendung der ihnen anvertrauten finanziellen Mittel abzulegen, und müssen daher auf eine genaue Rechenschaftslegung über die ihnen zur Verfügung gestellten Mittel von den Partnern verlangen. Die Notwendigkeit der Rechenschaftspflicht über die korrekte Verwendung von Steuergeldern – einschließlich der öffentlichen Kofinanzierung von Entwicklungsvorhaben – steht selbstverständlich gänzlich außer Frage. Die Tatsache jedoch, dass die NRO im Norden diese Kontrollfunktion ausübt bzw. ausüben muss, aber auch als Geldgeber die Wahl oder Ausrichtung der zu finanzierenden Aktivitäten ihrer Partner im Süden in Frage stellen oder beeinflussen kann, lässt den Schluss zu, dass man hier nicht von einer gleichberechtigen Partnerschaft im engeren Sinne reden kann. Die ASTM hat sich des Öfteren damit auseinandergesetzt.

Es hat sich aber in den letzten Jahren eine andere Dimension der Solidarität mit unseren Partnern entwickelt, die nicht mit finanzieller Unterstützung verbunden ist.
Von Anfang an ging es für die ASTM beim Begriff Solidarität mit den Partnern im Süden nämlich um mehr als die rein finanzielle Unterstützung ihrer Projekte; genau so wichtig war es, die Öffentlichkeit und die Entscheidungsträger in Luxemburg und Europa auf die Probleme aufmerksam zu machen, die die Menschen im Süden der Welt betreffen und ihrer Entwicklung im Wege stehen. Die oben erwähnten neuen Kommunikationsmöglichkeiten tragen dazu bei, dass wir heutzutage viel besser und schneller über politische Entwicklungen in den Ländern unserer Partner oder Ereignisse, die sie betreffen, informiert sind und darüber berichten können. Im Falle der Philippinen geht es vor allem um Menschenrechtsverletzungen; so konnten wir in den letzten Jahren unser Außenministerium über mehrere Fälle von Verstößen gegen die Menschenrechte informieren, wie die Verhaftung einer Mitarbeiterin einer unserer Partnerorganisationen im Jahr 2012 oder die gewaltsame Niederschlagung einer von KMP organisierten friedlichen Demonstration von Kleinbauern im Jahr 2016.

Eine weitere Entwicklung der letzten Jahre hat den Beziehungen mit unseren Partnern eine neue Dimension verliehen, die es der ASTM und ihren Partnern ermöglicht, verstärkt auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Für die politische Lobbyarbeit sowie die Informations- und Sensibilisierungsarbeit, die bei der ASTM eine immer größere Rolle spielen, sind wir nämlich auf die zuverlässigen und authentischen Informationen unserer Partner im Süden angewiesen. Ihre auf jahrelanger Erfahrung mit der Realität vor Ort basierenden Kenntnisse sind privilegierte Informationsquellen.
Beispielhaft für diese Form der Zusammenarbeit mit einer Partnerorganisation war die 2013 von der ASTM organisierte Kampagne gegen Landraub, in der wir versuchten, auf der Grundlage von Beispielen in drei Partnerländern das globale Problem von Landraub darzustellen. Im Rahmen der Kampagne stellte unser Partner, die philippinische Bauernbewegung KMP, Informationen zur Situation in der Provinz Isabela zur Verfügung, wo ein ausländisches Unternehmen Kleinbauern von ihrem Land zu vertreiben versuchte, um Zuckerrohr für die Herstellung von Agrotreibstoffen anbauen zu können. KMP organisierte auch den Besuch eines Photographen vor Ort, damit er Material für die Kampagne bekommen konnte.

Es kommt auch immer häufiger vor, dass wir und unsere Partner zu den gleichen, global relevanten Schwerpunktthemen arbeiten, wie etwa der Klimawandel, die Auswirkungen der Aktivitäten multinationaler Konzerne auf die Menschenrechte oder die Gentechnik. Hier entstehen oft interessante Möglichkeiten des Informations- und Erfahrungsaustausches und Gelegenheiten, die Arbeit des anderen sinnvoll zu ergänzen. So besuchte uns neulich ein Mitglied unseres Partners MASIPAG, der sich für die Agroökologie als Beitrag sowohl zum Klimaschutz also auch zur Anpassung der Landwirtschaft an den Klimawandel einsetzt.
Die verstärkte Betonung auf politische Arbeit hat es uns auch ermöglicht, Kontakte zu einer Reihe von Organisationen in den Philippinen zu knüpfen, die nicht zu unseren langfristigen, regelmäßig finanzierten Partnern gehören, mit denen wir aber zunehmend auf politischer Ebene zusammenarbeiten. Die Menschenrechtsorganisation KARAPATAN und das wirtschaftspolitische Forschungsinstitut IBON International sind nur zwei Beispiele einer solchen Zusammenarbeit.

Solidaritätsarbeit mit den Philippinen – ein persönlicher Rückblick

Nach fast nunmehr 30 Jahren persönlicher Kontakte mit den Philippinen stelle ich heute fest, dass sich im Laufe der Jahre eine allmähliche, aber signifikante Veränderung in der Art und Weise vollzogen hat, in der ich meine Rolle in der philippinischen Solidaritätsarbeit wahrnahm. Auslöser dafür war wohl meine wachsende Frustration über die Ungerechtigkeit, die der Armut auf den Philippinen zugrunde liegt und der tiefe Respekt vor dem große Engagement und der Mut der vielen Aktivisten, die dagegen ankämpfen. Es handelt sich um die Transition von der Rolle einer sympathisierenden Beobachterin zum Gefühl, selber Teil ihres Kampfes zu sein.
Dieses veränderte Selbstverständnis wurde mir im Sommer 2016 sehr deutlich, als ich zusammen mit einigen unserer Partnerorganisationen an einer Konferenz im Süden der Philippinen teilnahm. Als wir zwei Tage lang Seite an Seite arbeiteten, wurde mir bewusst, dass wir zu KollegInnen, ja MitstreiterInnen geworden waren, die gemeinsam, jede auf ihre Weise, für eine gerechtere Welt kämpfen.

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