Category: Perspectives

- Dietmar Mirkes.

Die Temperaturen steigen, die Klimakatastrophen nehmen zu, und jedes Jahr füllen wir die Atmosphäre weiter mit Kohlendioxid auf – zu viel, um das 1,5° C-Ziel noch erreichen zu können. Also muss ein Teil davon wieder eingefangen werden: Korken drauf und gut ist! Das ist der Grundgedanke von Carbon Dioxide Removal (CDR), der Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre. Initiiert auch durch den letzten Bericht des Weltklimarats (IPCC 2023), der sie für notwendig hält, gibt es derzeit einen intensiven Diskurs in Politik und Fachwelt. Der folgende Artikel zeigt, was aktuell (Juli 2023) Stand der Debatte ist, und geht der Frage nach, ob die Kohlendioxidentnahme nur eine Luftnummer oder doch zielführend ist.

Welche Formen von Carbon Dioxide Removals gibt es?

Man kann CDR-Projekte in zwei Gruppen unterteilen: naturbasierte Projekte, die mehr Kohlenstoff im Boden durch verstärkte Humusbildung und in der Vegetation durch Wiederbewaldung speichern, und technische Lösungen, die CO2 in Kraftwerken abscheiden (Mirkes D 2022).

Zu den naturbasierten Lösungen zählen Carbon Farming und Bioenergy with Carbon Capture and Storage, kurz: BECCS, beide mit starken sozialen und ökologischen Folgen:

– Beim Carbon Farming müssen u.a. der Kohlenstoffgehalt des Bodens bei Start und Verlauf des Projektes mit hohen Ungenauigkeiten und Kosten gemessen und die Dauerhaftigkeit garantiert werden (!). Es braucht große Flächen, um rentabel zu sein – mit dem Risiko des Landgrabbings.

– In BECCS-Projekten wird Biomasse (etwa Mais oder Zuckerrohr) für „grünen“ Strom verbrannt und das dabei entstandene Kohlendioxid gefangen und unterirdisch gespeichert. BECCS-Projekte brauchen große Monokulturen und leere Gas- oder Öllagerstätten und werden von der Agro-, Gas- und Ölindustrie favorisiert. Der Weltklimarat weist auf mögliche negative Folgen für die Artenvielfalt, Nahrungs- und Wassersicherheit, lokale Lebensunterhalte und Rechte indigener Völker hin (IPCC 2023).

– Zu den technikbasierten Lösungen zählen Verfahren, CO2 direkt aus der Umgebungsluft zu filtern (Direct air capture, kurz: DAC) und dann für verschiedene Zwecke zu verwenden (Carbon Capture and Utilization) oder dauerhaft in geologischen Formationen zu speichern (Direct Air Carbon Capture and Storage, kurz: DACCS).

Der aktuelle politische Prozess in der Europäischen Union

Die EU möchte bis Ende 2023 Kriterien für Carbon Dioxide Removals festlegen: Im November 2011 hat die Kommission einen Vorschlag für ein Rahmenwerk zur freiwilligen Zertifizierung, das Carbon Removal Certification Fra­mework (CRCF), vorgelegt (European Commission 2022), dem der Rat der EU im Februar 2023 einen weiteren Vorschlag folgen ließ (Council of the EU 2023a). Und am 18. April 2023 fasste schließlich das EU-Parlament einen bemerkenswerten Beschluss zu nachhaltigen Kohlenstoffkreisläufen (European Parliament 2023) – hier Auszüge daraus (Hervorhebungen vom Verfasser):

Eine verstärkte Kohlenstoffentnahme sei notwendig, um bis spätestens 2050 ein Gleichgewicht zwischen den EU-weiten Emissionen und deren Entnahme in der EU zu erreichen, und danach negative Emissionen zu erzielen; die Entnahme könne aber nur die unvermeidlichen Emissionen ausgleichen. Das Parlament bestehe darauf, dafür ein separates Ziel zu definieren, um sicherzustellen, dass Entnahmen nicht Reduktionen ersetzen. Naturbasierte Lösungen, wie vielfältige alte Wälder, die Vernässung trockengelegter Feuchtgebiete und Torfmoore, Agroforstwirtschaft und Wiederaufforstung sollten vorrangig gefördert werden – ebenso agroökologische Praktiken.

Bei Carbon Farming sei die Entnahme von Treibhausgasen schwer zu berechnen und potenziell umkehrbar; eine klare Definition der Dauerhaftigkeit und der Regeln für die Haftung bei möglichen Umkehrungen müssen gewährleistet werden.

Lösungen zur Abscheidung und Speicherung, bzw. Nutzung, von Kohlenstoff (CCS bzw. CCU) könnten eine Rolle bei der Dekarbonisierung spielen.

Die internationale Zusammenarbeit mit Drittländern und internationalen Institutionen müsse verstärkt werden, um den nachhaltigen Kohlenstoffabbau auf globaler Ebene zu fördern.

In einem „Lenkungsvermerk“ für die Arbeitsgruppe „Umwelt“ am 16. Juni 2023 zum Carbon Removal-Zertifizierungsrahmen (Council of the EU 2023b) empfahl der Rat, drei Arten der Kohlenstoffabscheidung zu unterscheiden: dauerhafte Kohlenstoffspeicherung, Kohlenstoffspeicherung in Produkten und Carbon Farming. Zu „Kohlenstoffspeicherung in Produkten" solle neben langlebigen Produkten oder Materialien auch „dauerhaft chemisch gebundener Kohlenstoff in Produkten" aufgenommen werden, wobei unter „dauerhaft gebunden“ mindestens „für mehrere Jahrzehnte" zu verstehen sei.

Im neuen nationalen Energie- und Klimaplan für Luxemburg für die Periode von 2021 bis 2030 (Le Gouvernement du Grand-Duché de Luxembourg 2023) vom März 2023 kommen Carbon Removals nur im Projekt Nr. 522 vor: Ein öffentlich-privater Forschungspol soll den Bedarf, das Potenzial und die Machbarkeit von Technologien zur Kohlenstoffabscheidung und -nutzung (CCU), bzw. zur direkten Luftabscheidung (DAC) analysieren; zur Berechnung des Bedarfs an diesen Technologien sollen die unvermeidbaren Emissionen bestimmter Sektoren quantifiziert werden. Hier wäre ein transparentes Vorgehen (Was ist das Ziel? Welche Emissionen sind „unvermeidbar“? Wer sind die privaten Partner?) wichtig.

Stimmen aus der Zivilgesellschaft zum Carbon Dioxide Removal:

CAN-International, der größte globale Dachverband von Umwelt- und Entwicklungsinitiativen, veröffentlichte 2021 eine grundlegende Position zu Carbon Removals (CAN-I 2021): Er betrachtet die derzeit angedachten CCS-Anwendungen nicht als nachgewiesene nachhaltige Lösungen für das Klima, ebenso wenig BECCS und DACCS.

Bestimmte CCU-Anwendungen hätten zwar theoretisch große Minderungspotenziale (zum Beispiel Kohlenstofffasern als Ersatz für Stahl), doch bestehen Bedenken hinsichtlich der Kosteneffizienz und der Umweltauswirkungen. CAN-International zitiert dafür auch eine Studie der Internationalen Energieagentur (IEA), die feststellt, dass diese Technologie weit davon entfernt ist, die im IEA-Szenario für nachhaltige Entwicklung festgelegten Speicherraten bis 2050 zu erreichen. Zudem unterfüttert CAN-International seine Positionen mit einer lesenswerten Fülle von Projektbeispielen.

CAN-Europe fordert ebenso (CAN-E 2023), die natürliche Bindung von Kohlenstoff in Böden und Vegetation zu stärken, da die technische Kohlenstoffentnahme nur eine begrenzte Rolle beim Klimaschutz spielen könne. Die EU müsse separate Ziele für sie beschließen, die von den Emissionsreduktionen und dem Emissionshandel getrennt sind. Diese Ziele müssen auf einer strengen Folgenabschätzung basieren, die die potenziellen Auswirkungen auf die planetarischen Grenzen, die biologische Vielfalt und die Menschenrechte berücksichtigt, und nur Projekte, die dauerhaft speichern können, beinhalten.

Ein breit aufgestelltes Netzwerk von deutschen Umweltverbänden fordert im Juni 2023 in einer Verbändeposition zum EU-Zertifizierungsrahmen zur Kohlenstoffentnahme (DNR 2023) eine klare Definition von „dauerhafter Speicherung“, eine Festlegung von Verantwortlichkeiten und Haftung, den Ausschluss von Kohlenstoffspeicherung in Produkten, den Ausschluss von Humuszertifikaten beim Carbon Farming, den kompletten Ausschluss von BECSS, Schutzmaßnahmen für biologische Vielfalt und Menschenrechte und eine transparente Vorgehensweise. Es gibt noch viele detaillierte Stellungnahmen einzelner Organisationen wie Carbon Market Watch (CMW 2023) und Fern (Fern 2023).

Stimmen aus der Wissenschaft

Was heißt denn „unvermeidbar“? 

Als ein Schlüsselbegriff haben sich „unvermeidbare“ Emissionen herausgestellt, die sogenannten residuals. Eine Autorengruppe um die amerikanische Geographie-Professorin Holly Jean Buck (Buck H 2020) klopfte die langfristigen Strategien zur emissionsarmen Entwicklung von 50 Annex-I-Staaten (die größten Treibhausgasverursacher) darauf ab, wie viel und was genau sie als „unvermeidbar“ definieren: Als unvermeidbar gelten im Schnitt 18% ihrer Emissionen, wobei es keine einheitliche Definition des Begriffs residuals gibt. Die meisten Strategien zeigten auch nicht, woher die Restemissionen stammen. Hier herrsche ein erheblicher Forschungs- und Transparenzbedarf. Das Geschenk des Pariser Abkommens sei die Flexibilität, mit der die Länder selbst ihre Restemissionen festlegen können, wodurch die Regierungen teure oder politisch ungünstige Reduzierungen in der „Reste-Box" verstauen können – und damit den Druck für immer mehr Entnahmen von Kohlenstoff erhöhen.

In ihren langfristigen Strategien zur emissionsarmen Entwicklung würden einige Länder (so die Schweiz und Australien) andeuten, dass sie Kohlenstoffentnahmen aus dem Ausland beschaffen müssen, aber kein Land habe geplant, überschüssige Entnahmen für die globalen Märkte zu produzieren. Dies könne zu einem Ansturm auf Land für terrestrische Kohlenstoffspeicherung und auf geologischen Formationen in Entwicklungsländern und in den Ozeanen führen. Aus Gründen der globalen Klimagerechtigkeit sollten daher Länder mit hohen historischen Emissionen auch entsprechend mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre entnehmen; dies sollte ein neuer Schwerpunkt bei den UNFCCC (United Nations Framework Convention on Climate Change ) -Verhandlungen werden.

„Biofuel demand growth by fuel and region, 2022-2024 „Nahezu zwei Drittel des Wachstums der Biokraftstoffnachfrage wird in den Schwellenländern, vor allem in Indien, Brasilien und Indonesien, stattfinden.“ (gelb: Brasilien, rot: Indien, orange: Indonesien, lila: andere emerging countries, hellblau: Vereinigte Staaten, blau: Kanada, grün: Europa. ©IEA, Biofuel demand growth by fuel and region, 2022-2024, IEA, Paris. CC BY 4.0

Der Land Gap Report

Im November 2022 analysierte eine Gruppe von Forschern und NGOs in ihrem Land Gap Report (Dooley K et.al. 2022) carbon removals in den jährlichen Berichten der Staaten an das UN-Klimasekretariat. Sie konzentrierten sich darauf, wie viele Flächen landgestützte removals beanspruchen: Die globale Summe der bis 2060 benötigten Flächen für CO2-Senken betrüge 1,2 Milliarden Hektar, also 12 Millionen qkm, – eine Fläche, größer als die USA und genauso groß wie das heute weltweit genutzte Ackerland, mit allen sozialen und ökonomischen Folgen für die Bauern und andere indigene Nutzer der Flächen. Die Summe aller einzelnen staatlichen Entscheidungen führe also zu einem unrealistischen, ja geradezu grotesken Ausmaß an Flächenbedarf.

Und dies sind nur die staatlichen Planungen – mittlerweile gehört das Attribut „klimaneutral“ zum guten Ton fast aller Produkte und Firmen. Wasser fließt immer zum niedrigsten Punkt, und Geld – das zeigt die Erfahrung im Emissionshandel – meistens zu den billigsten Projekten, und das sind flächenfressende Monokulturen schnellwachsender Bäume wie Eukalyptus – Hauptsache „klimaneutral“, egal wie seriös sie sind  (Greenfield P 2023).

Fazit

Die Entwicklung der Carbon Dioxide Removals sollte nicht nur vom Willen und der Finanzkraft großer Konzerne, (Pensions-)Fonds und Banken abhängen, sondern vor allem auf dem Verursacherprinzip basieren: Wer emittiert, muss auch dafür sorgen, dass das Zeug wieder zurückgenommen wird, genauso wie Händler oder Hersteller alte Geräte wieder zurücknehmen müssen. Wer historisch viel emittiert hat, muss entsprechend viel zurücknehmen oder andere finanziell dabei unterstützen. Aus den Summen der historischen Emissionen – also der Verantwortung – jedes Staates und jedes großen Unternehmens kann man global gerechte Quoten für Entnahmepflichten ableiten.

Unter dem Schlagwort „internationale Zusammenarbeit“ darf es nicht wieder zugehen wie beim globalen Müllhandel: Plastikschrott aus Europa landet auf den Müllhalden Ghanas, alte Seelenverkäufer auf den Schiffsfriedhöfen Bangladeschs. Es dürfen nicht die Bauern und Indigenen des Südens sein, die ihre Lebensräume für CO2-Senken räumen müssen.

Was hat denn die ausschließliche Fokussierung auf den Markt, auf technische Lösungen und auf Freiwilligkeit bisher gebracht? Trotz Emissionshandel weiter steigende Emissionen, den weltweit heißesten Monat Juli seit Beginn der Aufzeichnungen und immer mehr „Natur“katastrophen, vor allem im globalen Süden. Ohne klare politische Prioritäten für eine Klimapolitik, die sich nicht in Nebenschauplätzen verzettelt, sondern den Ausstieg aus Öl, Gas und Kohle priorisiert (ASTM& Greenpeace 2022), ohne global vereinbarte nationale Limits und Quoten, und ohne Abkehr von unserem imperialen Lebensstil, verfehlen wir das 1,5° C-Ziel, wird die Klimakrise weiter zunehmen. Dass ein Begriff wie „Wachstum“ weiter unhinterfragt dominiert, aber „Suffizienz“ tabuisiert wird, ist ein Beleg geistiger Borniertheit. Dabei muss man das Rad nicht neu erfinden, sondern kann von anderen lernen – zum Beispiel vom sumak kawsay oder buen vivir (Chuji M 2022), dem indigenen Konzept des „guten Lebens“.


Literaturverzeichnis:

  • Action Solidarité Tiers Monde, Greenpeace(Hg.), Dirty and Dangerous, 2022.
  • Buck, H.J., How to Decolonize the Atmosphere, 2020.
  • CAN-Europe, CAN-Europes position on EU climate targets and an equitable Greenhouse Gas Emission Budget for the EU, Juni 2023.
  • Climate Action Network International, Climate Action Network International Position: Carbon Capture, Storage and Utilisation, Januar 2021.
  • Chuji, M. et al, „Buen Vivir”, hors-série brennpunkt, Nr.1, Luxemburg, November 2022.
  • Carbon Market Watch, How to make carbon removals work for climate action in the       EU, Februar 2023.
  • Council of the European Union, Proposal for a Directive of the European Parliament and of     the Council establishing a Union certification framework for carbon removals, Brüssel, 27.           Februar 2023.
  • Council of the European Union, Presidency Steering note: Carbon removal certification framework (CRCF), Brüssel, 15. Juni 2023.
  • Deutscher Naturschutzring, et al., Verbändeposition zum EU-Zertifizierungsrahmen zur Kohlenstoffentnahme, Mai 2023.
  • Dooley, K., et al., The Land Gap Report, 2022.
  • European Commission, Proposal for a REGULATION OF THE EUROPEAN      PARLIAMENT AND OF THE COUNCIL establishing a Union certification framework for    carbon removals, COM(2022) 672 final 2022/0394 (COD), Brüssel, 30. November2022.  
  • European Parliament, Resolution of 18 April 2023 on sustainable carbon cycles, (2022/2053(INI)), Strasbourg, 2023.
  • Fern, Certifying EU Activities to Increase Carbon Removals from Land, März 2023.
  • Greenfield, P., „Revealed: more than 90% of rainforest carbon offsets by biggest provider are    worthless, analysis shows”, The Guardian, 18. Januar2023.
  • Intergovernmental Panel on Climate Change, AR6 Synthesis Report: Climate Change 2023, März 2023, https://www.ipcc.ch/report/sixth-assessment-report-cycle/ (abgerufen am 25. August 2023).
  • Le Gouvernement du Grand-Duché de Luxembourg, Plan national intégré en matière d’énergie et de climat du Luxembourg pour la période 2021-2030, 30. März 2023.
  • Mouvement Ecologique, Der neue nationale Energie- und Klimaplan aus der Sicht des Mouvement Ecologique,, Juni 2023.  
  • Mirkes, D., „Klimaneutral wachsen – aber wohin mit dem Kohlendioxid?“, Climate Alliance, Juni 2022,            https://www.klimabuendnis.org/indigene-partner/hintergruende/carbon-farming-und-beccs.html (abgerufen am 25. August 2023).

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