Isabel Pitz – Sommer 2022. Ich laufe mit Anton über die Wiese hinter dem Haus runter zum Bach. Anton ist drei Jahre alt. Vorfreude – wir lachen, sind beide fröhlich und quirlig. Erst als wir ankommen sehe ich: der Bach ist leer, er ist ausgetrocknet.
Perplex, überrascht, weiß ich nicht, was ich sagen soll. Die kleine Bank, die wir im Frühling aus einem alten Brett und zwei Holzstücken zusammengebaut haben, steht noch unter der Weide. Wir steigen in das Bachbett und gehen den Kurven des Bachgrabens nach. Wir klettern über Äste und kriechen unter morschen Baumstämmen durch, die quer über dem trockenen Bachlauf liegen. Anton spielt mit den Blättern und Ästen, die im Bach liegen.
Ich setze mich daneben und fühle mich ganz schwer. Ich denke an den Klimawandel und an meine Arbeit, die Klimabildung. Ich denke an Anton und was der Klimawandel verändert. Und wie ungleich die Klimafolgen uns Menschen treffen. Wie wäre es, wenn unsere Wasserversorgung in diesem Sommer von dem Bach hinter unserem Haus abhängen würde? Ich denke daran, wie sich in Burkina Faso die Sahelzone weiter ausbreitet und Menschen auf dem Land vor der Entscheidung stehen, ihr Zuhause zu verlassen und in die Stadt zu ziehen. Ich fühle mich ohnmächtig.
Abends erzählt mir mein Schwiegervater, dass der Bach, nach dem unser Dorf benannt ist, früher nie austrocknete. Im Gegenteil, die Wiesen neben dem Bach waren so nass, dass sein Vater einmal mit seinem Traktor bis über die Reifen eingesunken ist.

Nur in einem Jahr trocknete der Bach aus: 1976. Das war damals ein außergewöhnlich trockenes Jahr, daran erinnert sich mein Schwiegervater noch ganz genau.

Inzwischen ist es Herbst 2023. Das war jetzt der vierte von fünf Sommern, in dem der Bach zeitweise trocken lag. Ein außergewöhnliches Jahr ist jetzt keine Ausnahme mehr.

Klimageschichten – ein kurzer Ausflug in die Klimapsychologie

Klimageschichten können uns helfen, uns mit dem Thema Klimawandel zu verbinden und etwas so Großes und abstrakt Wirkendes wie den Klimawandel persönlich werden zu lassen. Man ging lange davon aus, dass Menschen vor allem mehr Fakten benötigen, um für den Klimaschutz aktiv zu werden. Dieses „Informations-Defizit“-Modell ist inzwischen wissenschaftlich überholt.[1] Wissen führt nicht automatisch zum Handeln. Dabei sind viele andere Aspekte mitentscheidend, zum Beispiel die Gefühle.

Ich lebe in Europa und erlebe die Klimakrise in Europa. Oft ist das „Weit-weg-Gefühl der Klimakrise“ besonders stark, wenn es um Klimafolgen in Ländern des Globalen Südens geht. Das Gefühl, dass der Klimawandel räumlich, zeitlich und sozial weit weg ist und wenig mit dem eigenen Alltag zu tun hat, nennen Klimapsycholog*innen „psychologische Distanz“.
Geschichten von Menschen berühren uns, sie erreichen den emotionalen Teil unseres Gehirns. An diesem Ort bewerten wir Risiken und dieses Gehirnareal ist wichtig für unsere Motivation. Reine Fakten erreichen diesen Teil unseres Gehirns weniger.[2]

Auch wenn Informationen alleine nicht ausreichen, um gesellschaftliches Handeln zu bewirken, bleibt differenziertes und verständliches Wissen zur Klimakrise weiterhin wichtig, damit wir verstehen, wie, wo und wann wir aktiv werden können. Mit dem Vergleich einer Badewanne werden der aktuelle Stand der Klimakrise und Fragen der Klimagerechtigkeit begreifbar.

Die Badewanne

Wir stellen uns eine Badewanne vor. Die Badewanne ist die Atmosphäre unserer Erde. Aus dem Wasserhahn läuft Wasser in die Wanne. Das Wasser steht für das Treibhausgas CO2, das die Menschen in die Atmosphäre freisetzten. Der Wasserstand in unserer Badewanne steigt immer weiter an. Bei einer Krise, zum Beispiel einer Wirtschaftskrise, läuft etwas weniger Wasser hinein, aber nach der Krise wird der Wasserhahn wieder voll aufgedreht. Dann gibt es den Moment, in dem die Badewanne fast voll ist, sie demnächst überläuft und wir uns der gefährlichen Klimakrise nähern mit unumkehrbaren Veränderungen. Jetzt reicht es nicht, dass der Wasserhahn etwas zugedreht wird. Er muss vollständig zugedreht werden. Beim Klimaabkommen von Paris haben sich die Länder dazu verpflichtet. Das bedeutet, dass die weltweite Durchschnittstemperatur nicht höher als 1,5°C im Vergleich zur vorindustriellen Zeit steigen darf. Dazu müssen die Treibhausgase bis 2030 um mindestens 65% verringert werden und Klimaneutralität bis 2040 erreicht werden. Sind wir auf dem Weg dahin?

Die Wissenschaft kann berechnen, wie viel Wasser noch in die Badewanne passt, bevor sie überläuft. Die CO2-Menge, die die Menschheit jetzt höchstens noch in die Atmosphäre freisetzen darf, um das 1,5-Grad-Ziel einzuhalten, nennt man „CO2-Restbudget“. Geht es um Klimagerechtigkeit, geht es auch um die Frage, wie dieses Restbudget aufgeteilt wird, also: „Wer darf jetzt noch wieviel CO2 freisetzen?“

In der Badewanne ist heute all das Wasser, beziehungsweise in der Atmosphäre ist all das CO2, das Menschen seit mehr als 170 Jahren freigesetzt haben. Denn einmal freigesetztes CO2 bleibt in der Atmosphäre über mehrere Jahrhunderte wirksam. Das ist zum Beispiel anders bei Methan. Dieses Treibhausgas es ist zwar 24mal stärker als CO2, aber wird nach etwa 12 Jahren wieder aus der Atmosphäre über natürliche Prozesse abgebaut. Darum ist der Vergleich mit der Badewanne auch mit Blick auf Klimagerechtigkeit interessant: Es geht nicht nur um das Wasser, was in diesem Moment in die Badewanne reinläuft, sondern auch um das, was schon drin ist. Wer hat die Badewanne so voll gemacht? Wer hat die Treibhausgase freigesetzt, die nun über Jahrhunderte in der Atmosphäre wirksam sein werden? Es geht um die Verantwortung der historischen Emissionen. Welche Länder und welche Bevölkerungsgruppen? Und welche Rolle spielen multinationale Unternehmen?

Wo stehen wir jetzt? (1)

Statt den Wasserhahn zuzudrehen, wird er immer weiter aufgedreht. Die CO2-Emissionen weltweit sind enorm hoch und steigen weiter. Sehen wir uns die weltweiten CO2-Emissionen in den letzten Jahrzehnten an. Sie sind stetig angestiegen. Während jeder globalen Krise wie den beiden Ölkrisen, der Auflösung der Sowjetunion, der Asienkrise, der weltweiten Finanzkrisen und der Covid-19-Pandemie sanken die Emissionen kurzfristig und stiegen anschließend rasch wieder an. Die Krisen führten nicht zu einer grundlegenden Veränderung der Weltwirtschaft. Es gab positive Entwicklungen, so ist beispielsweise die „CO2-Intensität“ der Wirtschaft gesunken. Das bedeutet, dass die Weltwirtschaft für die gleiche Menge an Gütern, immer weniger Energie zur Herstellung benötigt und weniger CO2 ausstößt. Das reicht aber bei weitem nicht aus, um die insgesamt enorm steigenden CO2-Emissionen des fortgesetzten Wirtschaftswachstums auszugleichen.

Die weltweiten CO2-Emissionen seit 1959 in Milliarden Tonnen. Quelle : Friedlingstein et al 2022 – Global Carbon Project 2022, CC BY 4.0.

2022 wurden immer noch 82% der Energie weltweit aus fossilen Brennstoffen gewonnen, wie Kohle, Erdöl und Erdgas. Es gab 2022 so viele neue Wind- und Solarkapazitäten wie nie zuvor. Allerdings geht der Ausbau viel zu langsam voran.[3]

Auch die Regenwaldzerstörung in tropischen Regionen, die Trockenlegung von Mooren und die veränderte Nutzung von Böden sorgt weiterhin für hohe Emissionen. Dadurch wird einerseits das darin gespeicherte CO2 freigesetzt und andererseits kann weniger CO2 aus der Atmosphäre durch Wälder und andere natürliche Senken aufgenommen werden.[4]

Die weiterhin hohen Emissionen stehen im krassen Gegensatz zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens. Obwohl die Emissionen jetzt massiv sinken müssten, bewegen wir uns, weltweit gesehen, in die entgegengesetzte Richtung. Die bisherige Klimapolitik greift nicht. Die globalen CO2-Emissionen müssten jedes Jahr um durchschnittlich 1,4 Milliarden Tonnen CO2 reduziert werden, um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Das wäre etwa so viel wie 2020 aufgrund der Covid-19-Lockdowns verringert werden konnte – was das Ausmaß der erforderlichen Maßnahmen deutlich macht.[5]

Wer hat die Klimakrise verursacht? (2)

China ist heute der größte Emittent von Treibhausgasen, weit vor den USA, wenn wir den jährlichen CO2-Ausstoß betrachten. Doch wie im Badewannen-Vergleich klar wurde, sind nicht nur die aktuellen jährlichen Emissionen bedeutsam. Entscheidend sind alle menschengemachten Emissionen, die seit Beginn der industriellen Revolution freigesetzt wurden, wie in dieser Grafik zu sehen ist.

Die USA haben bisher das meiste CO2 verursacht. China folgt als zweitgrößter Emittent.[6] Doch wenn die Emissionen der 27 Länder der EU zusammengefasst werden, dann liegen die EU27-Staaten auf Platz zwei, hinter den USA und noch vor China, das dann auf Platz drei rutscht.[7] Europa und die USA haben zusammen etwa die Hälfte der Treibhausgase seit 1850 emittiert. Sie sind somit für die Hälfte der bisher gefüllten Badewanne und maßgeblich für die Erderhitzung verantwortlich.
Die in China und Indien entstandenen Emissionen tragen ebenfalls stark zur Klimaerhitzung bei. Beide Länder haben eine große Bevölkerung. Wenn die Daten auf die Bevölkerungen runtergerechnet werden, verschwinden China, Indien und andere Länder des Globalen Südens fast vollständig aus der Liste. Indien hat beispielsweise etwas weniger CO2 ausgestoßen als Deutschland, aber eine Bevölkerung, die heute etwa 15mal größer ist als die Deutschlands. Wäre der weltweite Flug- und Schiffverkehr ein Land, stände er in der abgebildeten Grafik auf Platz 11 der Treibhausgasverursacher.[8]

Brasilien und Indonesien gehören zu den großen historischen CO2-Emittenten aufgrund der Rodung der Regenwaldflächen. Allerdings wurden die Emissionen während der Kolonialzeit nicht den verantwortlichen Kolonialmächten, die von diesen Rodungen profitierten, sondern den Kolonien zugeordnet.[9] Die heutigen Treiber der Regenwaldzerstörung sind unter anderem der Anbau von Monokulturen wie etwa Soja für Tierfutter, Palmöl für die Lebensmittel- oder Agrarkraftstoffproduktion oder rasch wachsende Eukalyptusbäume für die Papierherstellung. Rohstoffe und Produkte, die auch in großem Umfang nach Europa importiert und dort genutzt werden. Die Verantwortlichkeiten für die Treibhausgasemissionen gehen mit den globalen Handelsströmen über Landesgrenzen hinaus. In den meisten Statistiken werden die Emissionen eines Produkts dem Land zugerechnet, in dem es produziert wurde und nicht dem Land, in dem es konsumiert wird. So produzieren europäische Firmen ihre Produkte in China, z.B. ein Auto oder Smartphone. Dann wird ein Teil der Produkte wieder nach Europa importiert, verkauft und genutzt. Hier spricht man von embodied emissions, also ausgelagerten Emissionen. Das bringt Ländern, wie den USA oder den EU-Staaten, eine vorteilhaftere CO2-Bilanz. Die Produktionsländer, wie China, Indien oder andere Länder im Globalen Süden, haben dadurch eine höhere Emissionslast.

Sind Länder überhaupt die richtige Bezugsgröße für die Frage nach der Klimaverantwortung? Denn auch innerhalb der Länder tragen die Menschen sehr unterschiedlich zum Klimawandel bei. Der World Inequality Report zeigt die extrem ungleiche Verteilung von Emissionen auf: Die reichsten 10% der Weltbevölkerung waren 2019 für mehr als 47% aller Treibhausgase verantwortlich. Die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung nur für 12% aller Emissionen.[10] Ein höheres Vermögen bringt höhere Emissionen mit sich. Die unteren Einkommensschichten der EU-Staaten haben die Klimaziele von Paris bis 2030 schon heute beinahe erreicht.[11] Warum ist der Zusammenhang zwischen sozialer Ungleichheit und Emissionen so wichtig? Weil sich daraus ableiten lässt, welche politischen Klimamaßnahmen die gerechtesten, aber auch die wirksamsten sind. Hohe Einkommensgruppen haben mit ihren hohen Emissionen einen weitaus größeren Spielraum zur Einsparung ihrer Emissionen als niedrige Einkommensgruppen.

Damit die Klimaziele erreicht werden können, muss der Zusammenhang von sozialer Ungleichheit und Klimagerechtigkeit auch in der Klimadebatte in Luxemburg einen viel größeren Stellenwert einnehmen.

„Superreiche“ Menschen sind nicht nur durch ihren extremen Überkonsum Hauptverursacher von Emissionen. Klimaentscheidend sind ihre Investitionen in Unternehmen, die immense Emissionen begründen. Als Anteilseigner bestimmen sie maßgeblich deren Geschäftsmodelle und Investitionsentscheidungen.[12]

2022 machten die größten Erdölkonzerne BP, Shell, Exxon Mobil, Total Energies und Chevron Milliardengewinne durch die hohen Öl- und Gaspreise wegen des Kriegs in der Ukraine. Rekordgewinne, die die Unternehmen immer noch in fossile Energien investieren. Weltweit gibt es immer mehr Klagen vor Gericht gegen Energiekonzerne, um sie für ihre Verantwortung in der Klimakrise haftbar zu machen.

Ein beeindruckendes Ausmaß von Klimaungerechtigkeit zeigt das Thema der CO2-Kompensationen. Unternehmen weltweit kaufen CO2-Zertifikate, um ihre Klimaziele auf dem Papier zu erreichen und ihre Produkte als „klimaneutral“ bezeichnen zu können. Die Projekte hinter den Zertifikaten sollen die Menge an Emissionen einsparen, die die Unternehmen ausstoßen. Die CO2-Kompensation ist ein Milliardenmarkt. 2022 hat eine umfassende Recherche Kompensationsprojekte der Firma Verra ausgewertet. Verra ist weltweit der größte Zertifizierer von CO2-Kompensationsprojekten. Ergebnis der Untersuchung war, dass 94% der angeblichen Waldschutzprojekte (REDD+ genannt) kein CO2 einsparen. Über Jahre hinweg waren Millionen wertloser CO2-Zertifikate ausgegeben worden.[13] Oft haben Klimakompensationsprojekte dieser Art schwerwiegende Folgen für die Menschen vor Ort. So wurden etwa indigene Gemeinschaften von ihrem Land vertrieben oder ihnen der Zugang zu Wäldern, Wasserquellen und ihren landwirtschaftlich genutzten Flächen verwehrt,[14] wie zivilgesellschaftliche Akteure und Akteurinnen aus Ländern des Globalen Südens schon seit Einführung der Kompensationsprojekte kritisieren.

Klimaungerechtigkeit bedeutet, dass die Menschen, die am wenigsten zur Klimakrise beigetragen haben, am stärksten unter den Folgen leiden. Dürren, extreme Hitzewellen, Hochwasser, Wirbelstürme oder der Anstieg des Meeresspiegels treffen die Bevölkerung in den Ländern des Globalen Südens besonders stark. Dass Länder des Globalen Südens stärker unter den Folgen des Klimakrise leiden, liegt nicht nur an der geographischen Lage, sondern auch an den politischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen. Die Länder des Globalen Nordens können sich besser an die Folgen des Klimawandels anpassen, weil sie über größere finanzielle und technologische Ressourcen verfügen. Ressourcen, die sie durch ihr Wirtschaftswachstums generieren konnten, das auch auf Kosten der Umwelt- und Menschenrechte im Globalen Süden ermöglicht wurde und die Klimakrise weiter vorantreibt. Gleichzeitig riskieren die Menschen, die sich für Umwelt- und Menschenrechte einsetzen, in vielen Ländern ihr Leben. 2022 wurden weltweit 177 Klima- und Umweltschützer*innen getötet, die meisten in Lateinamerika. Besonders gefährdet sind indigene Gemeinschaften.[15]

Handlungsfähig werden und Klimagerechtigkeit einfordern

Bei Klimagerechtigkeit geht es nicht nur darum, Treibhausgasemissionen zu verringern. Das Konzept der Klimagerechtigkeit zeigt, dass die Klimakrise Folge eines ungerechten globalen Wirtschaftssystems ist und wie eng Klimaungerechtigkeit mit sozialer Ungleichheit verbunden ist. Ungleichheit und Ungerechtigkeit, die weltweit durch die Kolonialzeit gewachsen sind und bis heute andauern.[16] Das zeigt sich auch in den ungleichen Machtstrukturen der internationalen Klimapolitik. Dabei thematisiert Klimagerechtigkeit die Auswirkungen von Paradigmen wie „endloses Wachstum“ und „Entwicklung“ und fragt grundsätzlich nach dem Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Klimagerechtigkeit legt auch negative Auswirkungen von Klimaschutzmaßnahmen für Menschen und Umwelt offen. Dadurch kann die Perspektive der Klimagerechtigkeit die relevanten Fragen für tatsächlich wirksame Klimamaßnahmen stellen. Beispielsweise kann es in der Verkehrswende in Europa nicht nur darum gehen, den Antrieb von Autos auszutauschen – Verbrenner gegen Elektro, mit massiven Folgen des Lithiumabbaus in Ländern des Globalen Südens – es geht vielmehr darum, wie wir insgesamt zu weniger Autos und anderen Mobilitätsformen kommen.

Ich denke an den Moment, als ich neben Anton an dem ausgetrockneten Bach saß. Wie können wir ausgehend von Klimagefühlen wie Ohnmacht, Schuld oder Trauer wieder ins Handeln kommen? Wie können wir in der Klimakrise handlungsfähig sein?

Auch indem wir die Verantwortungsebenen klären. Oft wird die Verantwortung für die Klimakrise diffus allen Menschen der Erde zugeschrieben oder die Verantwortung auf Einzelpersonen in ihrer Rolle als Konsument*innen verschoben. Doch sind politische und strukturelle Veränderungen notwendig, um die weitreichenden Emissionseinsparungen möglich zu machen.[17] Die Perspektive der Klimagerechtigkeit macht die Ebenen der Verantwortung für die Klimakrise klar: Die Klimaverantwortung der Länder des Globalen Nordens, die großen Unterschiede innerhalb sozialer Gruppen und nicht zuletzt die Klimaschulden Hochvermögender und multinationaler Unternehmen. Das hilft uns die geeigneten Handlungsmöglichkeiten zu erkennen. Dabei gibt es kein Patentrezept oder den einen Lösungsweg in der Klimakrise. Wo und wie wir zu Klimagerechtigkeit beitragen, kann sehr unterschiedlich sein: sei es mit anderen über die Klimakrise ins Gespräch kommen – im Freundes- und Familienkreis-, sich einer Energiegenossenschaft in der eigenen Region anschließen, sich in der eigenen Gemeinde engagieren, demonstrieren und Klimagerechtigkeit politisch einfordern, Initiativen und Organisationen unterstützen, die multinationale Unternehmen in die Klimapflicht nehmen oder sich für die Besteuerung hoher Vermögen einsetzen. Oder mehr über die Konzepte von Klimagerechtigkeit von Autor*innen, Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen aus dem Globalen Süden erfahren.

 


Fußnoten:

[1] Sippel, M., „Reden wir besser drüber. Zehn evidenzbasierte Kernprinzipien der Klimakommunikation“, in Verzwickt. Vom Umgang mit Nachhaltigkeitsdilemmata, Politische Ökologie Heft 3, Band 170, Oktober 2022, S. 108.

[2] Sippel 2022, S. 110.

[3] Energy Institute, Statistical Review of World Energy, 2023, S. 3.

[4] Diese Emissionen aus veränderter Landnutzung machten 2021 fast 10 % der Gesamtemissionen aus. Sie stammen vor allem aus der Regenwaldzerstörung in Brasilien, der Demokratischen Republik Kongo und Indonesien. Global Carbon Project, Global Carbon Budget 2022, https://globalcarbonbudget.org/carbonbudget/ (abgerufen am 7. Oktober 2023).

[5] Global Carbon Project, Global Carbon Budget 2022, https://globalcarbonbudget.org/wp-content/uploads/Key-messages.pdf (abgerufen am 7. Oktober 2023).

[6] Evans, S., „Analysis: Which countries are historically responsible for climate change?”, Carbon Brief, Oktober 2021, www.carbonbrief.org/analysis-which-countries-are-historically-responsible-for-climate-change/ (abgerufen am 7. Oktober 2023).

[7] In der Analyse des Global Carbon Budget 2022 sind die 27 EU-Staaten als ein Emittent aufgeführt. Diese Berechnungen berücksichtigen allerdings nicht die Landnutzungsveränderungen.

[8] Evans 2021.

[9] Evans 2021.

[10] World Inequality Lab, World Inequality Report 2022, https://wir2022.wid.world/ (abgerufen am 7. Oktober 2023).

[11] World Inequality Lab 2022.

[12] Neckel, S., « Zerstörerischer Reichtum. Wie eine globale Verschmutzerelite das Klima ruiniert », Blätter für deutsche und internationale Politik, volume 68, cahier 4, 2023, p. 47-56.

[13] Recherche des Guardian, Die Zeit, und der investigativen Journalisten-Plattform SourceMaterial, 18. Januar 2023, www.theguardian.com/environment/2023/jan/18/revealed-forest-carbon-offsets-biggest-provider-worthless-verra-aoe (abgerufen am 7. Oktober 2023).

[14] Guzman, R., „Why the climate strike is a social justice issue (and why it should strike at the core of growing fascism)”, IBON, 20. September 2019, www.ibon.org/why-the-climate-strike-is-a-social-justice-issue-and-why-it-should-strike-at-the-core-of-growing-fascism/ (abgerufen am 7. Oktober 2023).

[15] Global Witness, Almost 2,000 land and environmental defenders killed between 2012 and 2022 for protecting the planet, 13. September 2023, www.globalwitness.org/en/campaigns/environmental-activists/standing-firm/ (abgerufen am 7. Oktober 2023).

[16] Zum Zusammenhang zwischen Klimakrise und Kolonialismus unter anderem:

Sherwood-O’Regan, K., „The climate change and colonisation connection”, Climate Action Network International, 9. März2022, https://climatenetwork.org/2022/03/09/what-do-activists-and-ngos-need-to-know-to-be-allies-to-communities-on-the-frontlines-of-climate-change%EF%BF%BC-2/ (abgerufen am 7. Oktober 2023).

Trisos, C., Auerbach, J., Katti, M., „Decoloniality and anti-oppressive practices for a more ethical ecology”, Nature Ecology and Evolution, Nr. 5, 2021, S. 1205-1212.

Tzekorn, N., Tröger, J., Reese, G., „Klimakrise, Kolonialismus und sozial-ökologische Transformation“, in Handbuch Friedenspsychologie, Band 26, Marburg, 2022. Online abrufbar unter: https://archiv.ub.uni-marburg.de/ubfind/Record/urn:nbn:de:hebis:04-es2022-0043/View (abgerufen am 7. Oktober 2023).

[17] Zum Thema der Verantwortungsdiffusion und konkreten Handlungsempfehlungen für eine bessere Klimabildung, die die politische Dimension der Klimakrise und Klimagerechtigkeit reflektiert, siehe Kranz, J., Schwichow, M., /Breitenmoser, P., Niebert, K., „Politik – der blinde Fleck der Klimabildung“, Klimafakten, 11. Januar 2023, www.klimafakten.de/meldung/politik-der-blinde-fleck-der-klimabildung (abgerufen am 7. Oktober 2023).